
Darüber, dass "Bambule" deutschen Rap salonfähig machte, müssen wir wohl nicht streiten. Gestritten wurde zwischen dem 1998er Debüt und dieser Scheibe hier wohl eher darum, wie man an ein so wegweisendes Album würdig anknüpft. Die Beginner, so professionell, kreativ und unbeirrbar wie sie eben seit eh und je sind, machten einfach das, was sie am besten können: Beats, Flows und Cuts. Frei von den Zwängen der Erwartungserfüllung der Hörerschaft kreierten sie erneut einen eigenen, weiterentwickelten Sound, der das Potential dieser drei innovativen Hamburger auf die nächste Stufe hievte.
"Wir sind nicht nur im Haus, wir ham’s schon mitgebaut" – dass ihr gleich wisst, dass hier nicht irgendwer "Back in Town" ist! In der ihnen eigenen Lockerheit eröffnen die drei ihr Album und machen Lust auf mehr. Ich hoffe, dass sich bei den Namen Denyo und Eizi Eiz niemand mehr fragt: "Wer bistn du?". Falls doch, stellen sich die beiden auf dezent gesampelten E-Gitarren und professionellen Arrangements ein wenig vor und erzählen von ihren Marotten und Fetischen. Wer spätestens nach der zweiten Hook noch einen Namen vermisst, bekommt von DJ Mad sogleich eine äußerst anschauliche Abfahrt passender Wordcuts verpasst, die auch seinem Namen zu genüge Rechnung trägt. Überhaupt fällt es positiv auf, dass der DJ stets als vollwertiges Bandmitglied mit von der Partie ist.
Nun aber genug des Representens, es gibt noch mehr zu erzählen. Zum Beispiel, wenn die Beginner ihre "Scheinwerfer" auf das nächtliche Deutschland richten und gekonnt sozialkritische Töne auf antreibende Drums packen. Die Nacht wird hier teilweise synonym für die dunklen Seiten unseres Landes benutzt und witzige Vergleiche wechseln sich mit manchen politischen Spitzen ab. Wer davon nichts wissen will, soll sich bitte als Kuscheltier verkleiden und durch die U-Bahn rennen. So geschehen im Clip zu "Gustav Gans", in dem die Beginner selbst in diesem kindischen Aufzug noch Styles machen und dazu raten, das Gute im Leben zu schätzen. Quietschfidele Nummer, die Spaß macht. Es folgt mit dem "City Blues" eine herrlich umgesetzte, nicht ganz unkritische, Hommage an Hamburg. Möwenschreie zu Beginn, ein verträumtes Saxophon zum Schluss und ein entspannter Beat katapultieren den Hörer direkt an die Landungsbrücken. Auch für Nicht-Hamburger ein absolutes Highlight. "Schiss" reißt uns dann direkt wieder aus den Tagträumen und hält uns vor Augen, dass es ganz normal ist, wenn einem manchmal die Muffe geht. Wieder schaffen es die Beginner, mit locker gestrickten Lyrics unterschwellige Gesellschaftskritik zu transportieren. Hast du alleine Schiss, dann schließ dich doch mit anderen zusammen! "Stift her", das unterschreibe ich so und schließe mich der Aussage des Tracks an:
"Findest du Rap scheiße und stehst auf heavy?!
doch heute versteckst du die langen Haare unterm Cappy
hörst du Türkenpop und trägst Birkenstock aus Wildleder?
Ok! Alle können sie kommen, außer Bild-Leser!"
Musikalisch wieder innovativ umgesetzt macht auch dieser Track Laune sowie Sinn. Trotz allem Sinn für Gemeinschaft geht einem doch so manches auf den Sack, was in "St. Anger" thematisiert wird. "Dynamite Deluxe, Stieber Twins, bitte kommt wieder / in den Top 10 nix, außer die Clique von Dieter!" ist nur eine vieler treffender Lines, die hier so manche Missstände der Gesellschaft beleuchten. Ein bisschen politisches Hintergrundwissen wird bei "Chili-Chil Bäng Bäng" vorausgesetzt, sonst erkennt man hinter dem Disstrack der etwas anderen Art nur eine alberne Märchengeschichte statt der Seitenhiebe gegen die Politiker Schill und Schily. Clever gemachtes Ding. Was mir etwas zu sehr schlaucht ist "Hör weg", das zwar wie alles mit einem super Beat ausgestattet ist, aber auf Dauer doch eher langweilig wird. Ganz anders "Fäule", das live immer noch abreißt und mit dem sich die Beginner 2003 offiziell zurück meldeten. Es folgt eine Hommage an die Musik selbst, in denen viele Künstler Lob zugesprochen bekommen und ausnahmsweise einmal auf einen etwas schnelleren Beat gerappt wird. Max' Hook rundet den nächsten großen Wurf namens "God is a Music" perfekt ab. "Wunderschön" ist dagegen eine göttlich ironische Erzählung über die komplett positive Umweltverschmutzung:
"Die Düsenjäger pfeifen Kuschelrock-Melodien
und die Luft, sie duftet nach Kerosin
auf besinnlich, so wie wir‘s von Adventsliedern kennen
und spontan machen wir Liebe unter Handy-Antennen"
Das heimliche Highlight des Albums kommt ganz zum Schluss: "Kake is at the Dampf". Während Mad den Tag verpennt, labern Eizi und Denyo seine Mailbox im Wechsel voll und erzählen über den Untergang der Musikindustrie. Alleine für das Konzept, die musikalische wie textliche Umsetzung, gebührt den Jungs ein Echo. Witzig, sehr innovativ und kritisch zugleich beenden sie mit diesem 8-Minuten-Monster eine grandiose Platte.
Die Beginner schaffen es, ihre politischen Überzeugungen und gesellschaftskritischen Ansichten gekonnt ohne Zeigefinger, sondern lieber ironisch oder unterschwellig zu transportieren. Dadurch entstehen nicht, wie man vielleicht vermuten mag, komplizierte Tracks nur für das Bildungsbürgertum, sondern locker-flockige Nummern, mit denen jeder Spaß haben kann. Neben den super Texten machen die drei im Übrigen auch alle Beats selbst, was sie ebenfalls mehr als gut können. Absolut professionell ausproduziert, durchdacht und einfach derbe ist das hier geworden. Ausgefuchst statt ausgelutscht eben, wie ein Weggefährte einst anmerkte. Es ist kein neues "Bambule", es ist ein kaum vergleichbares, neues Album, das auf seine Weise absolut überzeugt und direkt neben dem Debüt in jeder Plattensammlung stehen sollte. Merke: "Hamburg City ruled - wer behauptet was anderes?"
Wertung: 4,5/5
verfasst für www.rap4fame.de
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