
Zwei Jahre ist es zum Releasezeitpunkt her, dass Azad auf der Bildfläche erschienen ist und zur Hochzeit des deutschen HipHop als einer der ersten den Gegenpol zur damals präsenten Rap-Gemeinde und deren Style dargestellt hat. Entgegen dem eher auf Wortwitz und Lockerheit basierenden Stil der Hamburger und Stuttgarter kam auf einmal ein Kurde mit rauen und harten Beats daher, der uns mit Reimen aus Frankfurts Straßen zuschüttete. "Leben" zählen viele bis heute zu den großen Werken des Deutschrap und die Erwartungen an den Nachfolger waren natürlich groß. Wie fest schlug die "Faust des Nordwestens" wirklich durch den Beton der Nordweststadt?
Azad verfolgt auch auf seinem zweiten Album die klassische thematische Zweiteilung zwischen ruffem Battlekram und tiefer gehenden Lyrics. Eingeläutet wird das Ganze durch ein im Grunde überflüssiges "Intro", doch wenn die Platte dann mal losgeht, dann gleich richtig. Bitte den Subwoofer nicht zu stark aufdrehen, sonst lässt ihn der Bass in "A" gehörig hüpfen. Ein enorm hungriger und aggressiver Azad prügelt uns seine Battlelines nur so um die Ohren und schafft einen beeindruckenden Opener. Schon lange vor dem "One"-Album waren Savas und Azad ihrer Meinung nach "#1". Ein Track, der textlich wie raptechnisch nicht mehr als solide ist, jedoch durch den charismatischen Style der beiden genannte Mängel locker ausbügelt und sich gut hören lassen kann. Der Titeltrack "Faust des Nordwestens" kommt mit sehr vernuschelt und irgendwie nicht zum Beat passenden Flows und weiß daher nicht sonderlich zu gefallen. Das langsame "Bang" hat ein ähnliches Problem, da Azad hier teilweise sehr abgehackt rappt. Den Inhalt von J–Luvs Hook verstehe ich vom Sinn her bis heute nicht und der Track ist zwar komisch, aber irgendwie interessant. Schwer zu beurteilen, aber doch eher eine der schwächeren Nummern.
Azads Stärke liegt allerdings, wie man hier noch deutlicher als auf dem Debüt merkt, auf der deepen Schiene. Ein absolutes Highlight ist das bedrückende "Drama", dessen weinende Streicher einem schon fast die Tränen in die Augen treiben. Lindas beklemmend gesungene Hook verstärkt diesen Effekt noch zusehends und passt genial in den Song. Azads Abhandlung über die Hürden des Lebens ist textlich wie von der Performance her sehr atmosphärisch. Thematisch ähnlich gestaltet sich das ebenfalls starke "Schmerz/Überleben", worin sich Azads Flow dem hektischen Beat perfekt anpasst und die Message über den alltäglichen Hirnfick super transportiert. "Ehre und Stärke" kommt mit rappender Unterstützung aus Frankreich. Neben einer guten Performance Azads kann ich Sakos Part aufgrund mangelnder Sprachkenntnis nicht bewerten. Raptechnisch dauerhaft auf hohem Niveau weiß Azad auch mit dem nächsten Song zu beeindrucken. "?" richtet sich als positiven Appell an die Rapszene und ist bis heute einer der besten Songs in diese Richtung. Ein entspannt fließender Beat verbreitet für Azads Verhältnisse eine erstaunlich lockere Atmosphäre:
"Der Morgen kommt und ich schaue stolz in den Spiegel und weiß
Meine Lieder sind frei, mir egal auch wenn niemand es peilt
Ich liebe den Scheiß und bin nur aus Liebe und von Herzen dabei
Wie schwer ist es zu begreifen, dass ich nur diss um mein Schmerz zu befreien
Ich bin nich gekommen um zu haten, sondern um unseren Scheiß zu bewegen,
Hip-Hop zu bewegen, ich will Ehrlichkeit und Styles hervorheben"
Wie er angesichts Zeilen wie dieser den beinharten Disstrack gegen "MC U Reen", also MC Rene, auf dem Album rechtfertigt, ist mir schleierhaft. Zwar ein tauglicher Battletrack, jedoch nichts, was man auf einem Album für die Ewigkeit hätte festhalten müssen.
Das nächste große Highlight ist zweifelsohne die wunderschöne Widmung an Azads Tochter, "Mein Licht". Ohne verweichlicht zu klingen bringt Papa A hier seine Gefühle für seine Kleine rührend auf den Beat. Doch das war nur die "Ruhe vor dem Sturm", bis am Ende nochmal die Brechstange rausgeholt wird. Die auf den nachfolgenden Alben immer mehr nachlassenden Jungs von Warheit spucken hier noch charismatisch und liefern einen guten Track. "Fickt euch" kommt schließlich mit ruhigem, aber bedrohlichem Beat daher, auf dem sich Azad mit leicht verzerrter Stimme über alles und jeden aufs schärfste auskotzt. Sprachlich hart und nicht immer weitsichtig, aber letztlich doch ein weiterer gelungener Track.
Was Azad zum Vorgänger-Album verbessert hat, ist seine Deutlichkeit in der Aussprache. Musste man auf dem Debüt oft noch genau hinhören, um die schnellen Flows zu erhaschen, rappt er hier enorm klar und deutlich, ohne seine Energie einzubüßen. Lediglich der Titelsong durchbricht dies zum Negativen und ist neben zwei bis drei weiteren mageren Songs mitverantwortlich, dass das Album an der Höchstwertung vorbeifliegt. Denn die Mehrheit der Tracks zeigt einen Azad, wie er besser selten war und man ihn heute vermisst: Hungrig, ehrlich und mit einem eigenen, unverwechselbaren Stil. Leider fehlt dem Album ein wenig die Kohärenz des Vorgängers, womit ein zweifelsohne sehr starkes Album bleibt, das man aber bzgl. der Trackanzahl noch hätte komprimieren können. Ein lohnenswerter Kauf ist es aber trotz mancher Kritikpunkte zweifellos.
Wertung: 4/5
verfasst für www.rap4fame.de
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